1939 - 1945

Im Jahre 1939 war der Kartoffelkäfer bereits im Westen Deutschland aufgetreten. Wegen der verheerenden Auswirkungen auf den Feldern die von diesem Schädling befallen wurden, mussten überall vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden. Als erste Maßnahme wurde angeordnet, sämtlich Kartoffelfelder durch die Einwohner absuchen zu lassen. Die Gemarkung wurde in verschiedene Suchgebiete eingeteilt, die dann unter Anleitung eines Kolonnenführers begangen wurden. Jeder Haushalt hatte an einem bestimmten Wochentag eine Person zu dieser Aktion zu stellen. Gefunden wurden jedoch keine Käfer

Inzwischen nahmen die großen Weltgeschehnisse ihren Lauf. Im Westen baute Deutschland den sogenannten Westwall , ein großzügig angelegtes Befestigungswerk, zu dessen Aufbau auch etliche Godelheimer herangezogen wurden. Verschiedene Godelheimer der wehrfähigen Jahrgänge wurden zu militärischen Übungen einberufen.

In der Gemeinde sammelten Schulkinder Altmaterial, wodurch beträchtliche Mengen zusammen getragen wurden. Zur Förderung der Seidenraupenzucht mussten sämtliche Schulen Maulbeerhecken anlegen, dass hier durch Anpflanzung einer solchen Hecke um den Schulplatz der neuen Schule erfolgte. Hierdurch sollte die Gewinnung von Seide für die Fallschirmjägertruppe gefördert werden.

Die außenpolitischen Ereignisse verschärften sich inzwischen zusehends. Allen lag die bange Frage auf den Lippen: Was wird der Herbst, was werden die nächsten Wochen und Monate bringen. Der 1. September brachte die Entscheidung. Des morgens, um 6.30 Uhr erreichte uns die Nachricht vom Einmarsch der deutschen Truppen in Polen. Im Gefolge dieser schon immer befürchteten Nachricht trafen zahlreiche Stellungsbefehle ein, die die in den besten Mannesjahren stehenden Godelheimer binnen kürzester Frist zu den Fahnen rief. Gar mancher folgte schweren Herzens dem Ruf des Vaterlandes, denn jeder war sich des Ernstes der Stunde bewusst. Noch waren die Narben, die der letzte Krieg hinterließ , nicht verheilt und die Schrecken jener Tage nicht vergessen. Man vernahm keinen Hurra-Patriotismus und kein übermütiges Siegesbewusstsein.

In Godelheim erfolgte im Anschluss an die erste Kriegsmitteilung die Durchführung einer Luftschutzübung, wovon jedoch seitens der Einwohner wenig Notiz genommen wurde. Die Fenster des als Luftschutzraum bestimmten Kellers mussten mit Splitterschutzkästen versehen werden, des weiteren waren mit Sand gefüllt Tüten, Handspritzen und sonstige zur Feuerbekämpfung geeignete Dinge bereitzustellen. Der befürchtete Grosseinsatz feindlicher Fliegerverbände traf jedoch vorläufig nicht ein. Die englische Luftwaffe beschränkte sich lediglich auf Störungsflüge über den westdeutschen Raum, warf Flugblätter und teilweise auch Brandblättchen ab und übte Aufklärungstätigkeit aus. Als weitere Folge des Kriegseintritts erfolgte sofort die Bewirtschaftung der Lebensmittel, Textilien und verschiedener Gebrauchsgegenstände. Schon bald mußten sich sowohl Käufer als auch Verkäufer mit Lebensmittelmarken und Bezugsscheinen befassen. Zum Schutz der Eisenbahnbrücke über die Weser bei Fürstenberg wurde eine neu aufgestellte Flakeinheit in Stärke von 15 -20 Mann, bewaffnet mit Maschinengewehren eingesetzt. Die Flaksoldaten waren auf dem Saale des Gastwirt Driehorst einquartiert.

Mit Abschluss des Polenfeldzuges, der unter den Godelheimer Soldaten keine Todesopfer forderte, stellte sich Ende Oktober Einquartierung ein. Eine Panzerabwehrabteilung der Garnison Straubing/Bayern bezog hier ihr Winterquartier. Der gesamte Fuhrpark der Truppe wurde auf der am Kapellenplatz gelegen Weide des Bauern Johannes Luchte aufgestellt. Durch das bereits von dem vorherigen Chronisten auf der ersten Seite für das Jahr 1939 erwähnte, plötzlich auftretende Hochwasser war man gezwungen, die Weide wieder zu verlassen und die Geschütze, Fahrzeuge usw. auf die nunmehr als Parkplatz bestimmt Weide des Bauern Wilh. Wulff in Maygadessen, die hinter dessen Wirtschaftsgebäuden liegt, zu schaffen.

Auf Weihnachten erhielt jeder zur Wehrmacht eingezogene Godelheimer ein Weihnachtspaket. Die mit einer Flasche Schnaps, Schokolade, Zigaretten, Gebäck und anderem mehr gefüllten Pappkartons, die vorher von den Schulkindern hergestellt waren, werden sicherlich für manche eine angenehme Überraschung und ein schöner Gruß aus der Heimat gewesen sein. 

Ende Dezember 1939 (etwa um Weihnachten) setzte dann ein strenger Winter mit viel Schnee und Kälte ein.

Die standesamtlichen Eintragungen 14 Geburten, 10 Eheschließungen und 10 Sterbefälle.

Der Winter 1939/40 zeichnete sich durch besonders anhaltende und strenge Kälte sowie viel Schnee aus. Die Kälte erreichte Temperaturen bis zu 30 - 32 Grad Minus.
Durch den starken Schneefall traten Transportschwierigkeiten ein. Insbesondere wirkte sich der Kohlenmangel, der auf das Versagen des Transportwesens zurückzuführen war, unangenehm aus. Die Schulen mussten aus diesem Grund vorübergehend geschlossen werden. Die in Godelheim untergebrachte Fahrkolonne der Wehrmacht wurde zum Abtransport von Kohle aus dem Ruhrgebiet eingesetzt, damit der notwendigste Bedarf gedeckt werden konnte.  

Besonders hervorzuheben ist auch noch der Winter 1941/1942. Dieser übertraf in Bezug auf Schnee und Kälte noch den des Jahres 39/40. Während unsere Soldaten tief in Russlands Gefilde eingedrungen waren und dort gänzlich unerwartet einen der strengsten und längsten Winter der letzten Jahrzehnte über sich ergehen lassen mussten, wirkte er sich auch in unserer Heimatgemeinde recht bösartig aus. Abgesehen von dem Mangel an Brennmaterial und sonstigen Unannehmlichkeiten brachte der Winter Schaden an Feld und Flur. Ein großer Teil der Wintersaaten und viele Obstbäume erlagen seiner Kraft.

Am 19.3.1940 war hier ein schweres Gewitter zu verzeichnen. Zusammen mit den Wassermassen der Schneeschmelze richtete dieses Gewitter besonderes auf den bergigen Ländereien und den Waldwegen große Schäden an. Auf dem Grundstück des Gutsbesitzer Albers am Langenberg hatte das reißende Wasser besonders seine traurigen Spuren hinterlassen.

Die Ende Oktober nach hier gekommene bayerische Panzerabteilung wurde am 6. Jan. 1940 nach Hembsen verlegt. Die Tatsache, dass zwischen den Einheimische und der Einquartierung ein gutes Einvernehmen geherrscht hatte, beweist der Umstand, dass am darauf folgenden Sonntag fast jeder abkömmliche Soldat sich wieder einfand. Am Tage des Abzugs der ersten Einquartierung stellte sich bereits neues Militär ein, und zwar eine motorisierte Fahrkolonne, die vorher in Jakobsberg stationiert war, es warten Sudetendeutsche Landsleute. Etliche Tage später kam noch eine bespannte ostmärkische (Österreich) Fahrkolonne hinzu. Diese blieben bis zu Beginn des Westfeldzuges hier. Die bespannte Fahrkolonne rückte am 2. Pfingsttag 1940 ab, dem Einsatz entgegen.

Im Westfeldzug hatte Godelheim den ersten Gefallenen dieses Krieges zu beklagen. Den Eltern des Schirrmeister Fritz Jubitz ereilte die traurige Nachricht, dass ihr Sohn am 16.4.1940 in den Kämpfen um Rethel in Frankreich auf dem Felde der Ehre sein junges Leben geopfert habe. Wie viel feldgraue Godelheimer werden ihm gefolgt sein ?
Durch die vielen zum Wehrdienst eingezogenen Männer macht sich ein empfindlicher Arbeitermangel bemerkbar. Diesen versuchte man dadurch zu steuern und abzuhelfen, dass Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt wurden. Im Frühjahr 1940 wurden erstmalig 10 - 15 polnische Kriegsgefangene den hiesigen Bauern zur Verfügung gestellt.
Sie waren in Amelunxen in einem besonders eingerichteten Lager untergebracht und mussten  morgens und abends unter Bewachung den Hin- und Rückweg gehen. Ihnen folgten dann später französische Kriegsgefangene,  die zuerst auch in Amelunxen untergebracht waren, bis dann im Frühjahr 1942 für Godelheim ein eigenes Lager auf dem Saal der Gastwirtschaft Potthast eingerichtet wurde. 
Außerdem kamen im Sommer 1942 und den folgenden Jahren polnische Zivilarbeiter und Ostarbeiter, d.h. Ukrainer und Russen nach hier. Sie waren hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig. Ferner wurden 1944 auch einige internierte italienische Offiziere den landwirtschaftlichen Betrieben zugewiesen.
Ende 1944 erhielt Godelheim noch weiteren Zuwachs, indem auf dem Saal der Gastwirtschaft Dohmann ca. 300 Russen einquartiert wurden, die mit der Verbindungsstrecke zwischen den Bahnlinien Holzminden - Scherfede und Ottbergen - Northeim begannen, diese aber nicht mehr fertig stellen konnten. Die Aufsicht über die Russen führten Angehörige der Organisation Todt, die teils in dem zur Milderung der Wohnungsnot errichteten Behelfsheim auf dem Sportplatz, das sie bezugsfertig gemacht hatten, wohnten.

In dieser Zeit trugen sich auch 2 Unglückfälle mit leider tödlichem Ausgang zu. Das erste Unglück geschah auf der Driburger Str. wobei ein polnischer Kriegsgefangener, der bei dem Bauern Albers beschäftigt war, mit einem  Kunstdüngerstreuer tödlich verunglückte, als er die Gewalt über das Pferd verlor. Das zweite Unglück ereignet sich am "Roten Felde", als ein bei dem Bauern  Jul. Göken tätiger russischer Zivilarbeiter bei der Rückfahrt Richtung Godelheim unter das Fuhrwerk geriet.

Evakuierte und Flüchtlinge

In der modernen Kriegsführung hat das Flugzeug, das sich in den letzten Jahrzehnten zu einer gefürchteten Kampfwaffe entwickelte, einen bedeutenden Faktor eingenommen. Als unabänderliche Logik dieser Tatsache musste daher der bittere Ernst des Krieges auch in solchen Gebieten Eingang finden, die Früher hiervon verschon geblieben waren. Es wurden daher mit Zunahme der feindlichen Luftangriffe die gefährdeten Gebiete, insbesondere das Industriegebiet, von der Bevölkerung, die dort nicht unbedingt benötigt wurde, evakuiert und in minder gefährdete ländliche Gebiete

So kamen im Februar 1943 als erste Evakuierte ca. 20 Personen aus der Stadt Essen. Der Sommer 1943 brachte weiteren Zuzug: Etwa 20 - 25 Studierende und einige Dozenten der von Dortmund nach Höter in die dortige Staatsbauschule verlegten Lehrerbildungsanstalt erhielten in Godelheim ein Unterkommen. Durch die Landung der Alliierten in der Normandie und den danach erfolgten Durchstoß bis zur deutschen Westgrenze wurde der Krieg im Herbst 1944 auch in das deutsche Land hinein getragen. Wieder bewegten sich Flüchtlingsscharen in das innere Deutschland. Dieses mal erhielt Godelheim im September 1944 etwa 50 Evakuierte aus dem Kreis Erkelenz. Den Abschluss dieser Zuwanderung machten im November 1944 ungefähr 30 Personen aus Recklinghausen, die wegen der steig gesteigerten Luftangriffe auf das deutsche Industriezentrum dort ihres Lebens nicht mehr sicher waren,. So war unser Heimatort Ende des Jahres 1944 bis auf del letzten Platz mit diesen bedauernswerten Menschen gefüllt, die Haus und Hof, Hab und Gut im Stich lassen mussten, um nun ihr Leben in der Fremde notdürftig zu fristen.

Kriegsereignisse, insbesondere der Luftkrieg in der Gemeinde

Während sich die Kriegsereignisse 1914 - 18 zum weitaus größten Teil in Feindesland abgespielt und die Godelheimer Bevölkerung von direkten Kampfhandlungen nicht betroffen wurde, änderte sich dieses friedliche Bild durch den Einsatz der Luftwaffe. Vom ersten Tag des Krieges mussten Verdunklungsmaßnahmen durchgeführt werden. In jedem Zimmer, in dem bei Eintritt der Dunkelheit Licht brannte, mussten die Fenster so verhangen werden, dass kein Lichtschein nach außen drang. In den ersten Jahren des Krieges war die Gefahr des Bombenabwurfs nicht seht groß. Man beschränkt sich auf Störflüge und Bombardierung lohnender Ziele. Diese Situation änderte sich aber mit dem Entritt Amerikas in den Krieg und sobald die feindliche Rüstungsindustrie auf Hochtouren lief.

So wurden im Mai 1943 einige Kraftwerke, u.a. auch die Edertalsperre mit Erfolg angegriffen. Durch die geborstene Sperrmauer fluteten ungeheure Wassermassen ins Land hinaus und überschwemmten Feld und Flur, Weiden und Saaten. Einige Dörfer in Nähe der Edertalsperre wurden von den völlig überraschend heranbrausenden Fluten derartig betroffen, da das Vieh in den Ställen umkam und auch Menschleben zu beklagen waren. Unermesslicher Schaden wurde angerichtet, die im Wachsen befindliche Natur zum Stillstand gebracht. Die gesamte "Sandwische" stand, wie bei einer plötzlichen Schneeschmelze unter Wasser. Der bereits in Ähren stehende Roggen sah an etlichen Stellen nur noch wenig aus dem großen See hervor.

Der 22 Oktober 1943 brachte uns ebenfalls einen aufregenden Tag. In den Abendstunden, etwa um 22.00 Uhr, spielte sich über unseren Köpfen eine Luftschlacht ab. Deutsche Nachtjäger griffen die zu einem Großangriff auf Kassel gestarteten feindlichen Bomberverbände an. In der Nähe des Bahnwärterhäuschens am Langenberg stürzte eine viermotoriger Bomber ab. Die einzelnen Flugzeugteile lagen in der Umgebung weit verstreut umher. Die Besatzung  in Stärke von 4 Mann hatte hierbei den Tod gefunden und wurde auf dem hiesigen Friedhof bestattet. Der rote Feuerschein am dunklen Nachthimmel aber zeigte, dass die Bomben leider doch ihr Ziel erreicht hatten.

Von nun an war eine immer regere Flugtätigkeit zu verzeichnen, die sich im Jahre 1944 bis zum Zusammenbruch zur Unerträglichkeit steigerte und die Menschen in dauernder Spannung und Ungewissheit hielt. Kampfverbände, die nach Hunderten von Flugzeugen zählten, nahmen ihren Kurs über unser Heimatgebiet Richtung Kassel, Hannover, Berlin, Dresden und den vielen anderen Städten, um dort ihre verderbenbringende Last zu entladen. Nicht zuletzt waren das Ziel dieser unbarmherzigen Kriegsführung die Wohnviertel der Großstädte.

Für Godelheim wurde es auf Grund der Entwicklung für erforderlich gehalten, anstelle der bisher in den Straßen angebrachten Alarmvorrichtungen in Form von freihängenden Eisenstücken, mit denen ein gongähnliches Geräusch verursacht wurde, eine Sirene anzuschaffen. Diese wurde auf dem Hause Lammert in der Gartenstraße angebracht und bei gefährlichen Situationen in Tätigkeit gesetzt. Sie war jedoch nicht im ganzen Ort , besonders in den außerhalb liegenden Häusern zu hören. Die Schulen wurden bei Luftgefahr geschlossen und die Kinder, mangels eines geeigneten Luftschutzkellers, auf dem schnellsten Wege nach hause geschickt.

Der 15. Oktober 1944 ist noch in lebhafter Erinnerung als ca. 1000 Flugzeuge den hiesigen Raum in Richtung Kassel überflogen. Die darauf folgenden Detonationen schwerer und schwerster Bomben ließen hier Fenster und Türen erbeben. Am Sonntag, den 15. Oktober 1944 erfolgten in den Vormittagsstunden durch Jagdbomber Bombenabwürfe auf verschieden Orte des Kreisgebietes. Unter anderem war die die Fürstenberger Eisenbahnbrücke das Ziel eines Angriffs. Obwohl der dort eingesetzte Flakschutz sich erfolgreich zur Wehr setzen konnte, gelang es einen Bombentreffer anzubringen, während die übrigen fehl gingen. Großer Schaden wurde nicht angerichtet, zumal der Treffer diesseits der Weser nur das Mauerwerk beschädigte. Die Eisenkonstruktion des über dem Wasser liegenden Teils aber unbeschädigt blieb. Der eingleisige Verkehr konnte binnen 24 Stunden wieder aufgenommen werden . Ein weiterer Bombeneinschlag war unterhalb des Brunsberges auf dem Grundstück des Bauern Wilhelm Wulff in Maygadessen zu verzeichnen. Der 18, Oktober 1944 brachte der Fürstenberger Brücke in den Nachmittagsstunden einen weiteren Angriff, der jedoch ohne Wirkung blieb. Im Januar 1945 wurden zum Schutz der Fürstenberger Brücke im gesamten Umkreis Sperrballone aufgestellt. Von nun an bevölkerten im Falle der Luftgefahr diese Ballone, wie große pralle Würste aussehend den Himmelsraum. Inwieweit von dieser Waffe Erfolg zu erwarten war, wurde allgemein bezweifelt, zumal keinerlei Jagdflugzeug- und nur ein unzureichender Flakschutz vorhanden war. Die Sperrballone also leicht hätten abgeschossen werden können. Für unseren Heimatort entstand hierdurch eine neue Gefahr, da hiermit die Aufmerksamkeit der feindlichen Flugzeuge auf diese Objekte gelenkt wurden. Zum Teil standen die Ballone in unmittelbarer Nähe des Dorfes. Der am weitesten nach Godelheim vorgeschobene Ballon stand in der Weide des Bauern Luchte gegenüber der Kapelle am Altendorfer Weg.

Als ein schwarzer Tag muss der 22.2.1945 bezeichnet werden, zwar nicht so sehr für Godelheim, als für die nähere und weitere Umgebung. In den Mittagstunden dieses Tages wurde systematisch das Verkehrsnetz Westdeutschlands angegriffen, um die Nachschubadern für die Front lahmzulegen. In unserem Heimatort wurde das alte Wohnhaus des Bauern Albers in der Kirchstr. in Brand geschossen. Dank des sofortigen und tatkräftigen Zugriffs der Einwohner konnte der Brand bald gelöscht werden, lediglich der Dachstuhl brannte ab. Das Gebäude konnte auch weiterhin bewohnt bleiben. Ein weit tragischeres Geschehnis ereignete sich in der Nachbargemeinde Ottbergen. Dort wurden die Gleisanlagen und einige Gebäude des Bahnhofs teilweise zerstört, sowie verschiedene Wohnhäuser auf den Steinäckern. Außerdem wurde ein sehr massiver Wasserdurchlass (Überbrückung) im Zuge der Reichsstrasse Höxter-Brakel getroffen, eingedrückt und verschüttet. Unter diesen Durchlass waren viele Einwohner geflüchtet, in der Annahme, dass es sich hier um einen unbedingt sicheren Luftschutzort handele. Durch Einsatz Höxterscher Pioniere wurde der Eingang zu dem Durchlass wieder freigelegt. 93 Tote waren die Opfer dieser Katastrophe, darunter auch zwei Godelheimer und zwar die in der Friedhofstraße wohnhafte Toni Jordan und die aus Godelheim, Kirchstraße gebürtige, in Ottbergen verheiratete Frau Elisabeth Groppe, geb. Jöhren mit 5 Kindern. Der Schwiegersohn des Franz Bierbüsse (Fortens), Josef Human, wurde schwer verletzt.

Da die Lichtleitungen zerstört waren, musste an diesem Abend die Notbeleuchtung ihre Dienste tun. In den darauf folgenden Tagen mussten alle arbeitsfähigen, abkömmlichen Männer zur Wiederinstandsetzung der Gleisanlagen auf dem Bahnhof Ottbergen arbeiten damit schnellstens der  zunächst völlig lahmgelegte und nach einigen Tagen eingleisige Verkehr wieder aufgenommen werden konnte.

Durch diese tragischen  Ereignisse in völlig ländlichen Gebieten wurde die Bevölkerung zu größerer Vorsicht bewegt, schon das verdächtige Gebrumm eines Flugzeuges ließ jeden von seiner Arbeit aufhorchen. Früher nicht als lohnend angesehene Objekte wurden jetzt durch sogenannte Tiefflieger mit Bomben belegt. Man lebte in einer beständigen Unruhe und Sorge, wurden doch, wie dieses im Rheinland besonders der Fall war, auf den Straßen Fahrzeuge und Passanten, auf den Feldern Gespanne und arbeitende Menschen beschossen. Die Stunden, die man im Luftschutzkeller zubrachte, mehrten sich. Gefährlich war auch das Reisen mit der Eisenbahn geworden, denn die Zahl der beschossen Züge war erschreckend. Der Lokomotivführer Heinrich Dohmann, wurde anlässlich eines solchen Angriffs am Kopf schwer verletzt.

Volkssturm

Deutschland hatte den totalen Krieg erklärt. Die Armeen waren durch den Kampf in fast allen Ländern Europas erheblich geschwächt. Der Bedarf an Menschen wuchs über die Kräfte des deutschen Volkes hinaus. Da griff man zu einer Maßnahme, die in der modernen Kriegsführung und einem zivilisierten Staat einmalig ist.  Alle Männer von 16 - 65 Jahren wurden in den in  letzter Stunde ins Leben gerufenen Volkssturm eingereiht. Jugendliche und Kriegsveteranen bildeten die Mehrzahl dieses Gebildes. Zur Beschaffung der notwendigen Ausrüstungen wurden Haussammlungen vorgenommen. In Amelunxen fand auf einem Saale an einem regnerischen Sonntagnachmittag des Herbstes 1944 die gemeinschaftliche Vereidigung statt. Praktische Bedeutung hat der Volkssturm hier kaum gewonnen. Lediglich einige bisher unabkömmliche 40 - 50 jährige Männer wurden einberufen, auch eingesetzt und hatten bedauerlicherweise sogar Verluste.

Kriegsmaßnahmen in der Landwirtschaft

Die landwirtschaftlichen Betriebe wurden zur äußersten Leistungssteigerung angespornt, sie hatten die Ernährung des deutschen Volkes und den unermesslichen Bedarf der Wehrmacht sicherzustellen. Dieses musste unter den schwierigsten Verhältnissen erfolgen. Die Pferdegespanne wurden durch die Zwangsablieferungen an die Wehrmacht stark gelichtet. Ein weiterer maßgeblicher Faktor war der Arbeitermangel. Manche Bauersfrau war gezwungen, allein auf sich gestellt mit ausländischen Arbeitskräften die Bewirtschaftung ihres Betriebes durchzuführen. Der Mangel an Kunstdünger bedingte ebenfalls einen Produktionsrückgang. Jedem landwirtschaftlichen Betrieb wurde die Erfüllung eines von der Kreisbauernschaft festgesetzten Solls an Getreide, Kartoffeln und Vieh zur Pflicht gemacht.
Zu bemerken bleibt noch, dass 1942 anstelle des bisherigen ersten Ortsbauernführers Wilhelm Brüseke, Karlshafener Str., der Bauer Wilhelm Kirchhoff, Pyrmonter Str. ernannt wurde.

Aus der Schule

Der Hauptlehrer Hoppmann wurde nach kurzer Lehrertätigkeit bereits in den ersten Monaten des Krieges zur Wehrmacht eingezogen. Der Lehrer Bruns, welcher auch einige Jahre diese Chronik führte, beendete hier seine Lehrtätigkeit am 1.4.1941, um an der Kreisberufsschule in Höxter tätig zu werden, sein Nachfolger wurde der Lehrer Menne, zuletzt in Nieheim, der jedoch im Frühjahr 1943 ebenfalls zur Wehrmacht eingezogen wurde. Ab 3. August 1943 nahm der Lehrer Tosse, der von Essen nach hier abgeordnet war, die Lehrstelle ein, nachdem sie in der Zwischenzeit aushilfsweise durch einen Ottberger Lehrer verwaltet war. Als Nachfolgerin der Lehrerin Frl. Klare wurde am 18.8.1941 die Lehrerin Frl. Trilling, die zuletzt in Amelunxen tätig war nach hier versetzt.

Tätigkeit der NSDAP

Nach der parteiamtlichen Gliederung bildete Godelheim eine "Zelle" und gehörte zur Ortsgruppe Ottbergen. Zellenleiter in Godelheim war der Schlosser Heinrich Hillebrand, Pyrmonter Str., später folgte ihm der Eisenbahner Josef Knoke, Pyrmonter Str. in diesem Amt. Nach dessen Einberufung zur Wehrmacht wurde der Sandgrubeninhaber Heinrich Lammert, Gartenstr. zum Nachfolger ernannt, das er bis zum Kriegsende inne hatte. Noch im Februar 1945 erfolgte die Umbildung der Zelle Godelheim in eine selbständige Ortsgruppe. Der Zellen- bzw. Ortsgruppenleiter war für die parteipolitische Verwaltung der Gemeinde zuständig. Er hatte dafür die Durchführung der parteiamtlichen Anordnungen zu sorgen und fungierte als Vertrauensmann der NSDAP. Ihm unterstellt waren als die kleinsten Organe der Parteiverwaltung die Blockverwalter (jede Ortsgruppe und Zelle zergliederte sich in Blocks). Von der Partei gingen auch zum größten Teil die Haus- und Straßensammlung aus, die Sonntag für Sonntag abgehalten wurden und deren Erträge angeblich für gemeinnützige Zwecke verwendet werden sollten. Bei diesen Sammlungen unterschied man zwischen Listensammlungen, d.h. dass nach Listen, in denen jeder Einwohner namentlich aufgeführt war,  und solchen Sammlungen, bei denen sogen. Plaketten, das waren Anstecknadeln mit allen möglichen Zeichen und Abbildungen zum Verkauf kamen. Unter der Vielzahl der Gliederung der NSDAP war hier als weitaus größte Gliederung die NSV vertreten. Diese ist wohl darauf zurückzuführen, dass nach Möglichkeit jeder Haushaltungsvorstand einer Organisation angehörten sollte und diese Gliederung wegen ihres sozialen und gemeinnützigen Charakters den übrigen vorgezogen wurde. Im übrigen waren Angehörige fast aller Gliederungen unter den Einwohner vertreten.

Sonstiges bemerkenswertes:

Heißmangel

In den Jahren 1937/38 erfolgte auf Veranlassung der Ortsgruppe Godelheim "Die Frau im Reichsnährstand" die Anschaffung einer Heißmangel zum Plätten von Wäsche. Sie wurde zuerst im Wohnhaus Franz Grawe, Bahnhofstr. untergebracht, dessen Frau auch die Betreuung der Anlage übernahm. Im Herbst 1940 wurde sie sodann in dem alten Alber'schen Hause, Kirchstr. aufgestellt, wo sie sich noch jetzt befindet. Die Heißmangel bedeutet für die Hausfrauen eine große Entlastung

Kindergarten
Im Jahre 1941 wurde auf Anraten der Kreisleitung der NSV in dem durch die Einberufung des Hauptlehrers Hoppmann freiwerdende Klassenraum der Knabenschule erstmalig ein Erntekindergarten eingerichtet. Der Schulraum wurde von der Gemeinde für diesen Zweck unentgeltlich zu Verfügung gestellt. Die Betreuung der Kinder erfolgte durch die NSV.

Gemeindesandgrube:
Durch Gemeinderatsbeschluß vom 25.2.1941 wurde dem Kieswerk "Wesertal" (Inh. Schlüter, Mutter u. Dohmann) die Ausbeutung der Gemeindesandgrube, die im Süden durch die Anliegergrundstücke Dohmann und Mutter und im Norden und Westen durch öffentliche Wege begrenzt wurde, überlassen.

Beurkundungen des Standesamt:

  Geburten Eheschließungen  Sterbefälle
1940 9 7 8
1941 4 9 6
1942 4 9 7
1943 7 8 12
1944 8 6 12
1945 10 3 12

 

Kriegsereignisse um Ostern 1945
Mit unerbittlicher Härte bahnt sich die Furie Krieg ihren Weg durch die deutschen Lande. Dass die Front immer näher heranrückte, wurde den Godelheimern 8 Tage vor Ostern zur erschreckenden Gewissheit. Die beiden Reichsstraßen belebten sich mit zurückflutenden Militär, das in mit grünen Zweigen getarnten Fahrzeugen Richtung Mitteldeutschland seinem Schicksal zu entgehen hoffte. Flüchtlinge aus dem unmittelbaren Kampfgebiet, zahlreiche streng bewachte Trupps mit Kriegsgefangen , Ostarbeitern, und Sträflingen sowie politischen  Häftlingen durchzogen Godelheim, einem sicheren Ort entgegen, den es aber nicht mehr gab. Es war ein buntes Bild, das auf der Driburger- Karlhafen und Pyrmonter Str. durch unser Dorf zog., des abends vielleicht einmal Quartier macht, um am nächsten Morgen die West- ostwanderung fortzusetzen. Hiobsbotschaften trafen ein: Am 27.3. hatte Paderborn seinen schwarzen Tag, durch einen schweren Luftangriff wurde die schöne Paderstadt zu einer toten Ruine. Am 28.3. fielen im benachbarten Stahle Bomben, wodurch beträchtlicher Gebäudeschaden entstand und 6 Tote zu beklagen waren. Auch Holzminden war am 3.4. das Ziel eines feindlichen Luftangriffs, während unsere Kreisstadt Höxter verschont blieb.

Die erste Schrecksekunde durchjage in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag (29./30.3) unsere Gemeinde, als von Haus zu Haus die Nachricht ging, dass die feindlichen Panzerspitzen bei Scherfede ständen und in 6 Stunden mit unmittelbarer Gefahr zu rechnen sei. In aller Eile wurden noch in der Nacht die schon seit Tagen ins Auge gefassten Vorbereitung getroffen, Pferde- und Handwagen mit dem notwendigsten Hab und Gut zur Flucht in den Wald bereit gestellt, Kleidungsstücke und Esswaren in den Keller geschafft, Hakenkreuzfahnen, Hitlerbilder, nationalsozialistisch Bücher und dergleichen vernichtet. Jeder bereitet sich, so wie er es für richtig hielt, event. mit einer weißen Fahne in Bereitschaft, auf das Einrücken des Feindes vor. Wenige nur fanden ihre Nachtruhe wieder. Das Gotteshaus war am folgenden Karfreitagmorgen wegen der Ungewissheit der Stunden nur spärlich besetzt.

Wie inzwischen bekannt wurde, war der Vormarsch der Alliierten bei Warburg ins Stocken geraten, da her deutsch Reserve eingesetzt wurden. Auf der Karlshafener Str. rollten von der Garnisonsstadt Höxter kommend, unablässig deutsches Militär dem Kampfgebiet entgegen. Durch das Abstoppen des feindlichen Vormarsches gewann die Partei und Militärführung genügend Zeit, einen organisierten Wiederstand in Leben zu rufen.

Das Osterfest (1./2.4) verlebten wir in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Am 2. Feiertag mussten die Bauern von einem oberhalb des Dorfes schon seit Wochen abgestellten Güterzug Munition, in der Hauptsache Panzerfäuste, abfahren. Die Jungen zwischen 14 bis 16 Jahren wurden an dem selben Tag aufgefordert, sich Richtung Mitteldeutschland abzusetzen. Mit bangen Gefühlen sahen die Eltern ihre Kinder am Nachmittag des 2. Ostertages auf einem bespannten Flachwagen davon fahren. zur großen Freude trafen sie jedoch am Abend des folgenden Tages wieder ein, nachdem sich sich vorher im Solling selbständig gemacht hatten und auf wenig begangenen Wegen ihrem Heimatort wieder zugeeilt waren.
Die Reichsbahn stellte am Dienstag, den 3.4.1945, auf der hiesigen Strecke ihren Betrieb ein.

Nachdem schon am Karsamstag an den Dorfeingängen der Karlshafener- und Driburger Str. sich Infanterie in Stärke von je 10 - 15 Mann eingegraben hatte, erhielt Godelheim am Mittwoch den 4. April weiteren Zuwachs an Militär, das in Bürgerquartieren untergebracht wurde. Nun begann erst noch innerhalb des Dorfes der Bau von Hindernissen. Quer über die Pyrmonter Str. wurden zwischen den Häusern Bode und Spieker, sowie am Eingang der Bahnhofstr. Panzersperren errichtet. An Material wurden Baumstämme und Steine verwandt, die durch die hiesigen Bauern heran gefahren wurden. Die Steine wurden durch Abbruch des linksseitigen Teils der Kirchmauer sowie der Mauer an der Straßenfront des Hofes der Ww. Bode beschafft. Unter der Driburger Str. zwischen dem Schulhof und dem Wohnhaus Grothe wurden 2 Sprengladungen angebracht. Ein Tigerpanzer bezog im Dorf Stellung, um aber doch noch rechtzeitig, beeinflusst durch die gefährdeten Bewohner der Bahnhof- und Gartenstr. wieder abzufahren. Vom Kreisleiter der NSDAP erschien ein Aufruf an die Bevölkerung der besagte, dass, wer die weiße Fahne hisse, mit dem Feinde paktiere oder plündere, erschossen bzw. mit seiner Sippe ausgerottet werde.  

Unter diesen Verhältnissen sah jeder mit gemischten Gefühlen der entscheidenden Stunde entgegen. Am Freitagmorgen (6.4) um 4.30 Uhr schreckte das Läuten der Kirchenglocken als Zeichen unmittelbarer Gefahr die Godelheimer aus dem Schlaf. Viele packten daraufhin ihr notwendigstes Hab und Gut, um sich bis zum Einmarsch in Maygadessen oder im Walde aufzuhalten. Der größte Teil der Einwohner hielt sich im sogen. Bierbüssen-Loch und im Maygadesser Schloss auf. Inzwischen ereilte die westlichen Nachbargemeinden Ottbergen und Amelunxen das Schicksal. Während der Feind am Donnerstagabend Ottbergen ohne Widerstand besetzen konnte, entbrannte in Amelunxen am Freitagmorgen ein heftiger Kampf. Waffen-SS verteidigte sich hier bis zum Nachmittag in erbitterten Straßen- und Häuserkämpfen. Eingeäscherte Gehöfte und Wohnhäuser, sowie einige Tote waren das Ergebniss des sinnlosen Kampfes, als sich die deutschen Truppen nach Wehrden zurückzogen.

Godelheim hatte hierdurch noch eine Gnadenfrist von 24 Stunden erhalten. Am Freitagvormittag wurde die Nethebrücke gesprengt. Am Nachmittag war die Lichtleitung und Telefonverbindung unterbrochen. Der Kampflärm, der den ganzen Tag über zu hören war, verstummte gegen abend um aber gegen ca. 22 Uhr wieder einzusetzen. Dieses mal galt es unserm Dorf. Aus Richtung Ottbergen und Amelunxen heulten in Abständen von 5 Minuten Salven amerikanischer Panzergeschütze oder Minenwerfer heran. Der Beschuss dauerte ungefähr 20 Minuten. Verschiedene Einschläge waren zu verzeichnen, u.a. im Wohnhaus der Ww. Bode.

An demselben Abend wurde auch die bereits vorbereitet Sprengung der Driburger Str. durchgeführt. Die anliegenden Häuser hatten beträchtliche Schäden an den Fenstern und der Bedachung. Hierbei wurde auch die Wasserleitung beschädigt, so dass die an der Driburger Str. und der Marbeke gelegenen Häuser ohne Wasser waren, was sich im Ernstfall katastrophal ausgewirkt hätte. Die Nacht die viele Einwohner im Walde oder im Keller zubrachten., verlief unter diesen Umständen recht unruhig. Über Wehrden war der Nachthimmel vom Schein des brennenden Lagerhauses der Fa. Kornacker hell erleuchtet, hier und da krachten Schüsse durch die nächtliche Stille. Jeder war daher froh, als der Morgen des 7.  April anbrach.

Der Frühling hatte bereits seinen Einzug gehalten und Sonnenschein bedeckte die sprießende wachsende Natur. Ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug brummte schon seit den Vormittagsstunden über unseren Köpfen und schien die Lage der Truppen und etwaige Hindernisse erkunden zu wollen. Die Fürstenberger Brücke wurde im laufe des Samstags durch Artillerie- oder Panzerbeschuss teilweise zerstört. Der Angriff des Feindes gegen Godelheim begann am Samstag, den 7. April, gegen 14.30 Uhr aus Richtung Amelunxen. Ungefähr 15 - 20 mit Infanterie besetze Panzer fuhren völlig lautlos in breiter Front querfeldein, den Feldweg unbenutzt lassend, heran. Das herannahen der Panzer war von den in der Marbeke gelegenen Soldaten nicht sofort bemerkt worden, so dass diese Häuser ohne Wiederstand unter Gefangennahme des Militärs besetzt werden konnten. Die im Dorf gelegenen Truppen hatten die Panzer jedoch nach wenigen Minuten bemerkt und eröffneten mit Maschinengewehren das Feuer. Die Panzer, die auf freiem Felde und auch teils im Schutz der Häuser in Stellung gegangen waren, bekämpften ihrerseits die Widerstandsnester mit Geschützfeuer. Der Ausgang dieses ungleichen Kampfes konnte nicht zweifelhaft sein. Bald schwiegen die deutschen Maschinengewehre, sie vermochten gegen die Übermacht der Amerikaner nichts auszurichten. Der Sachschaden dieses kurzen Gefechts war jedoch erheblich. Auf Gut Maygadessen brannte das große Stallgebäude bis auf die Grundmauern ab, in der Bahnhofstr. wurde das Wohnhaus des Eisenbahners Josef Büker ein Raub der Flammen, nur die Vordermauer blieb stehen. Von dem Nachbarhaus Büse-Dohmann brannte der Dachstuhl ab. Bei dem Bauern Heinrich Kirchhoff ging die hinter dem Wohnhaus liegende Scheunen Flammen auf, während von dem angrenzenden Stallgebäude des Bauern Ahlemeyer der Dachstuhl abbrannte. Die Scheune des Bauern Josef Lüdeke wurde ebenfalls beschädigt. Weiteren erheblichen Gebäudeschaden hatten auch das Wohnhaus der Ww. Büker, Bahnhofstr., das Gendarmeriegebäude und das Bahnhofsgebäude zu verzeichnen. Leichtere Schäden, beschädigte Dächer und Fenster, hatten ausnahmslos fast alle im westlichen Teil des Dorfes gelegenen Häuser aufzuweisen. Die Löscharbeiten auf den Brandstellen wurden noch während des Beschusse durch die Feuerwehr und besonders auch durch die Eigentümer und Nachbarn unter Lebensgefahr aufgenommen. Gegen 16.30 Uhr war Godelheim völlig besetzt und es trat wieder Ruhe ein. Die Einwohner kehrten aus den Wäldern zurück und kamen aus den Kellern hervor. Man freute sich allgemein über die gut überstanden Schreckensstunden, denn es waren keine Opfer unter der Bevölkerung zu beklagen. Zwei Godelheimer Soldaten, Josef Kappen und Anton Grothe, die Genesungsurlaub hatten, wurden als Kriegsgefangen abtransportiert.

Folgende Begebenheiten des Jahres 1945 werden der Übersicht halber tagebuchartig aufgeführt:

15.04.45 Der schon sehr betagte Fabrikant Düsenberg wurde heute beerdigt
18.04.45

Die ehemaligen französischen Kriegsgefangenen fuhren mit einem Pferdewagen aus den Beständen  der hier einquartierten Organisation Todt nach Frankreich ab ungefähr 15 Mann.

27.04.45

Erstmalig wieder eine Zeitung "Kölner Kurier", herausgegeben von der amerikanischen Armee,  gelangte kostenlos zur Verteilung.

28.04.45

Alle Männer von 16 bis 60 Jahren müssen sich auf Befehl der Besatzungsmacht beim  Ortsbürgermeister melden. Militärstreifen durchsuchten die Häuser nach versteckten Männern. Beim Bürgermeister wurde jeder durch einen amerikanischen Offizier verhört  und falls er einwandfrei erschien, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt. Bei dieser Gelegenheit hatte der Sattler Albert Kanand das Pech, als Wehrmachtsangehöriger in die Gefangenschaft zu wandern.

Ende April: Für einige Tage kontrollierte auf Boden-Ecke eine amerikanische Wache von 4 Mann sämtliche Fahrzeuge, Radfahrer und etwaige Verdächtige Personen. Sie war in der Gastwirtschaft Potthast einquartiert. Die Reichsbahn beschäftigte ihre Bediensteten mit Aufräumungs-  und Instandsetzungsarbeiten. Ein Teil der Ostarbeiter (Russen und Polen) die hier während des Krieges in der Landwirtschaft gearbeitet hatten, zogen nach Höxter in die Kasernen in der Brenkhäuser Str. Dort wurden sämtliche Ostarbeiter der Umgebung untergebracht.

06.05.45

Die Feier des Godelheimer Patronatsfestes "Kreuzauffindung" musste wegen anhaltenden starken Regen in der Kirche stattfinden. Die Prozession fiel aus.

07.05.45

Mit den Alliierten wird der Waffenstillstand abgeschlossen. Das mörderische Ringen hat ein  Ende. Für Deutschland sollen noch schwere Jahre folgen. Die ersten evakuierten Rheinländer besonders aus dem  Ratheimer Gebiet, insgesamt 23 Personen, ziehen mit einem Pferdewagen und mehreren Handwagen in ihre Heimat zurück. Eine weite Strecke müssen sie zu Fuß auf unsicheren Straßen zurücklegen. 

09.05.45

Die Ausgangszeit (Sperrzeit), während der die Bevölkerung sich draußen aufhalten darf, wurde zunächst bis zum 21. April auf die Zeit von 6.00 Uhr bis 19.00 Uhr festgesetzt. Ab 22. April wurde diese Zeit des Abends bis 20.30 Uhr und ab 9. Mai bis 21.00 Uhr verlängert. Während der Sperrzeit erfolgten durch motorisierte Truppen in allen Straßen Kontrollen. Zu ernstlichen Zwischenfällen kam es nicht.

 

Zur Bewachung der von den Amerikanern errichteten Notbrücke über die Nethe waren  farbige US-Soldaten eingesetzt, die in einem Zelt diesseits  der Nethe lagen. Nachdem die Brücke von der Besatzung nicht mehr  unbedingt gebraucht wurde,  wurde sie wieder abgerissen. Die Godelheimer, die ihr Land "Im Plass"  bewirtschafteten mussten nun entweder über Amelunxen fahren, was allerdings nicht oft geschah. In der Regel wurde der Weg bei der Lederpappenfabrik über die Wiese des Tischlermeisters Heinrich Grothe benutzt. Der Sandgrubenbesitzer Heinrich Lammert wurde wegen Bekleidung des Ortsgruppenleiteramtes von den Amerikanern in ein Internierungslager gebracht. Ende November 45 kehrte er zurück.

10.05.45  

Am Feste Christi Himmelfahrt konnte nach 6 Jahren zum ersten Mal wieder eine Prozession stattfinden.

13.05.45 Verspätet fand die Feier der Hl. Erstkommunion statt.
16.05.45 Die elektrische Lichtleitung ist wieder hergestellt.
17.05.45

Der Eisenbahnverkehr wurde behelfsmäßig eingleisig wieder aufgenommen. Die Züge fuhren anfangs nicht bis zum Höxterschen Bahnhof sondern nur bis zum Schranken- wärterposten unter dem Ziegenberg.  

20.05.45

Am ersten Pfingsttag war schönes Wetter. Der zweite Pfingsttag brachte leichten Regen Trotzdem waren viele Godelheimer in gewohnter Weise zum Heiligen Berg gegangen, wo ein Lüchtringer Geistlicher eine eindrucksvolle Predigt hielt.

30.05.45 Die Ausgangszeit wird auf die Zeit von 4.30 Uhr bis 22.15 Uhr festgesetzt.
31.05.45

Fronleichnam. Bei der Prozession wurde die Station auf der Kreuzung (bei Kirchhoff- Lorenz) wegen des starken Verkehrs nicht benutzt. Anstelle dessen wurde auf dem Kirch eine Station eingerichtet.
Ende Mai: Der Religionsunterricht der schulpflichtigen Kinder wurde im Jugendheim wieder aufgenommen.

15.06.45

Die erste Nummer der "Neuen Westfälischen Zeitung" (6 Seiten stark) wurde verteilt. Sie soll künftig einmal in der Woche an jedem Freitag erscheinen.

01.07.45

Die Reichspost nahm ihren Betrieb wieder auf. Zur besseren Überwachung und Kontrolle dürfen nur Postkarten geschrieben werden. Lateinische Schrift ist vorgeschrieben.

15.07.45

Der Schumachermeister Heinrich Schlüter wurde im Einvernehmen mit der Militärregierung durch Landrat Kronsbein zum kommissarischen Bürgermeister ernannt. Bisheriger Bürgermeister seit 1923 war der Sattlermeister Josef Müller, Pyrmonter Str.

25.07.45

In jedem Wohnhaus war auf Anordnung der Mil. Reg., an gut sichtbarer Stelle eine Meldeliste anzubringen, auf der sämtliche anwesenden Personen verzeichnet sein mussten.

17.08.45

Anstelle des von seinem Amt als Beigeordneter abberufene  Bauer Julius Goeken, wurde der Bauer Ludwig  Müller zum kommissarischen Beigeordneten ernannt.

Monat August: 
Sämtliche Gemeinden hatten auf Anordnung der Mil. Reg. festgesetzte Mengen Kleidungsstücke für die ehemaligen alliierten Kriegsgefangenen und die Ausländer zu beschaffen. Die Gemeinde Godelheim hatte folgendes Abgabesoll erhalten:

16 vollständige Ausrüstungen für Männer
8 vollständige Ausrüstungen für Frauen
5 vollständige Ausrüstungen für Knaben und Mädchen
3 vollständige Ausrüstungen für Kleinkinder

Jede Ausrüstung hatte zu bestehen:

für Männer aus 14 Teilen, darunter 2 Paar Strümpfe
für Frauen aus 13 Teilen
für Jungen aus 15 Teilen

für Mädchen aus 17 Teilen

Für einen unbrauchbaren Artikel, der abgegeben wurde sollen 10 brauchbare Artikel derselben Art geliefert werden. Da schon in den Kriegsjahren wiederholt solche Sammlungen stattgefunden hatten und für die abgegebene Kleidung kein Ersatz gekauft werden konnte, war es sehr schwer, die benötigte Anzahl durch Sammlungen zu erhalten. In der Folgezeit fanden noch mehrere solcher Sammlungen mit und ohne festgesetztem Abgabesoll für Häftlinge der KZ-Lager, Wehrmachtentlassene und Flüchtlinge statt.

23.08.45

Die Reisebeschränkung, wonach die Bevölkerung sich nur im Umkreis bis zu 100 km entfernen durfte, wurde aufgehoben.

01.09.45

Briefe und Päckchen sind im Postverkehr wieder zugelassen.

04.09.45

Der Schulbetrieb für die Kinder des 1. bis 3. Schuljahres wird wieder aufgenommen.

16.09.45

Die Normalzeit wird wieder eingeführt. Durch die Sommerzeit war die Uhrzeit um eine Stunde vorgerückt worden.

 

11. Dezember 1945
Die durch die Mil. Reg. berufene Gemeindevertretung hielt ihre erste Sitzung ab. Ihr gehörten an:

Heinrich Schlüter Bürgermeister
Bahnhofstr.
Ludwig Müller Beigeordneter
Marbeke
Johannes Luchte,Pyrmonter Str. Franz Dohmann, Pyrmonter Str.
Anton Pott, Burgfeldstr. Johannes Wiehe, Pyrmonter Str.
Adolf Wieneke, Pyrmonter Str. Josef Müller, Kirchstr.
Johannes Dreymann, Maygadessen Franz Schäfer, Pyrmonter Str.
Josef Weiß, Pyrmonter Str. Josef Rox, Driburger Str.
Anton Mutter, Maygadessen Josef Kornhoff, Pyrmonter Str.
Elfriede Pott, Pyrmonter Str. Klara Kurtenbach, Bahnhofstr.
Antonie Kornhoff, Karlshafener Str. Josefa Heinemann, Pyrmonter Str.
Maria Spieker, Pyrmonter Str.  

Mitte Dez. wurde für die Weihnachtsfeiertage und die Sylvesternacht  das Ausgehverbot aufgehoben.

Allgemeine Bemerkungen zum Jahr 1945

Die Witterungsverhältnisse waren normal, die Ernte zufriedenstellend. Erwähnt möge noch werden, daß bald nach Abschluss des Waffenstillstandes eine große Menschenwanderung in alle Himmelsrichtungen einsetzte. In der Hauptsache Evakuierte, aber auch ehemalige Wehrmachtsangehörige, Ausländer und sonstige Personen, die der Krieg aus ihrer Heimat fortgerissen hatte. Sie marschierten bepackt oder mit einem Handwagen versehen oft Hunderte von Kilometern ihrer Heimat entgegen. Tag für Tag beherbergten die Godelheimer diese bedauernswerten Menschen, meist in Massenquartieren, da jeder Raum bereits ausgenutzt war.

Die Nächte wurden in dieser recht- und wehrlosen Zeit von den Ausländern - meist Russen und Polen - zum Rauben und Stehlen benutzt. Besonders allein liegende Häuser hatten hierunter zu leiden. Einbrüche wurden u.a. verübt bei Ahlemeyer, Dreymann, Haus Brunnen und Wiesemeyer, außerdem eine ganze Reihe Weidediebstähle. Wirksam konnte diesem Treiben nicht entgegen getreten werden. Zum Schutz gegen Überfälle kam es im Juli 45 zur Bildung von Ortswachen, die jedoch keine praktische Bedeutung  erlangten. Acht Wachleute wurden bestimmt, sie erhielten eine Armbinde, die zum Ausgang in der Nacht berechtigte. Da sie aber unbewaffnet waren, hätten sie im Ernstfall nichts ausrichten können. Zur Abschreckung wurde bei Einbrüchen und dergleichen geläutet und die Sirene in Betrieb genommen.

Statistik: im April wurden Lebensmittelkarten ausgegeben. Die Männer unter 16 Jahren erhielten 314 Stück, Männer über 16 Jahren 201 Stück, Frauen unter 16 Jahren 325 und Frauen über 16 Jahren 529 Stück.

Bis zum Kriegsschluss wurden ca 215 Godelheimer Männer zum Wehrdienst einberufen.

Im März 1945 waren rd. 80 Fremdarbeiter (Ausländer) in Godelheim.

Standesamtsnachrichten:  Geburten 10, Eheschließungen 3, Sterbefälle.