Ein neues Leben als Weihnachtsgeschenk
Renate Müller-Spellerberg spendet ihrem schwer kranken Mann Ulrich eine Niere

Freudentränen rollen Renate Müller-Spellerberg über die Wangen, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Die Godelheimerin hat ihrem schwer kranken Mann das größte Geschenk gemacht, das ihr möglich war: Sie spendete ihm eine Niere. Doch der Weg dahin war schwierig.

"Herzlich Willkommen Oma und Opa" haben die Enkelkinder in gelben Lettern auf ein großes Plakat gemalt. So empfingen sie die Großeltern Ende vergangener Woche nach einem zweimonatigen Krankenhausaufenthalt. "Es ist schön endlich wieder zu Hause zu sein. Es ist das schönste Weihnachtsfest das wir feiern", sagt Renate Müller-Spellerberg. Die Familie will es ruhig im Kreis der Familie begehen.

Vor mehr als einem Jahr begann das Martyrium. Im Oktober 2008 ging es Ulrich Müller plötzlich sehr schlecht. Der Lagerist wurde mit Verdacht auf einen Herzinfarkt direkt vom Arbeitsplatz ins Krankenhaus gebracht. Zunächst diagnostizierten die Ärzte einen Aderverschluss vor der linken Niere und im Oberschenkel. Für die Untersuchungen wurden ihm mehrmals Kontrastmittel gespritzt. Um die Aderverschlüsse zu beseitigen sollte der 58-Jährige operiert werden. "Der Termin stand schon fest", sagt Müller.

Doch am Vorabend der OP fielen plötzlich die hohen Nierenwerte auf. Müllers Nieren waren vermutlich wegen des vielen Kontrastmittels nicht mehr in der Lage, den Körper zu entgiften. Die Operation musste abgesagt werden. Über Weihnachten verschlimmerte sich die Situation. Die Nieren versagten ihren Dienst ganz. Müllers Hausarzt konnte nicht mehr helfen.

Der Godelheimer wurde Anfang Januar ins nephrologische Zentrum Niedersachsen in Hann. Münden eingewiesen. Hier versuchten die Mediziner die Nieren zu retten. Vergebens. Die Ärzte eröffneten dem geschockten Ehepaar, dass eine regelmäßige Blutwäsche unumgänglich sei, da der Körper vergiftet sei. "Am 20. Januar musste ich zum ersten Mal zur Dialyse", erinnert sich der 58-Jährige an die schlimme Zeit. In den folgenden neuneinhalb Monaten wurde er dreimal wöchentlich in Höxter dialysiert. "Danach fühlte ich mich immer entsetzlich schwach und konnte stundenlang nur im Sessel sitzen", berichtet Müller.

Schon kurz nach der Diagnose traf seine Frau eine Entscheidung, die ihr beider Leben verändern sollte. Sie hatte eine Sendung im Fernsehen gesehen, in der eine Frau ihrem Mann eine Niere gespendet hatte, obwohl sie unterschiedliche Blutgruppen hatten. "Das mache ich auch", war ihre spontane Reaktion. Obwohl es ihrem Mann sehr schlecht ging, wollte er dieses Geschenk nicht annehmen. "Ich war dagegen und wollte nicht auch noch ihre Gesundheit gefährden", erzählt Müller. Immerhin sei das Risiko, dass das Organ abgestoßen wird, nicht gering. Aber seine Frau überzeugte ihn: "Ich war so sicher, dass wir das schaffen können."
Es folgten schwierige Monate mit vielen Untersuchungen – auch für sie als Spenderin. "Es wurde alles kontrolliert. Das war wirklich nervenaufreibend und hat viel Kraft gekostet", berichtet Renate Müller-Spellerberg. Vor allem der Glaube hat ihr in dieser schweren Zeit viel Kraft gegeben, sagt sie.

Mit einer Woche Verspätung konnten die Ärzte der Spezialklinik Hann. Münden am 11. November die Operation durchführen. Sie verlief bis auf kleinere Komplikationen reibungslos. "Die gespendete Niere hat schon am ersten Tag gearbeitet. Alles hat prima geklappt", berichtet das Ehepaar überglücklich – die ständige Blutwäsche war vorbei.

Renate Müller-Spellerberg möchte den Menschen Mut machen ihrem Beispiel zu folgen. "Viele warten jahrelang auf eine Spenderniere. In dieser Zeit wird der Körper oft schwer geschädigt", berichtet sie. Man könne als Spender auch gut mit einer Niere Leben. "Bei Lebendspenden besteht generell eine größere Chance, dass sie angenommen werden", sagt sie.

Nach Krankenhausaufenthalt und Rehabilitation sind beide auf dem Weg der Besserung. Glücklich und pünktlich zum Weihnachtsfest konnte das Ehepaar nach Hause zurückkehren. Ulrich Müller muss nach dem Eingriff allerdings viele Medikamente einnehmen, damit sein Immunsystem wieder gestärkt wird. Einmal wöchentlich geht er zur Kontrolle ins Krankenhaus. Bis zu einem Jahr besteht noch die Gefahr, dass die Niere abgestoßen wird. Ansonsten kann die neue Niere bis zu 15 Jahren funktionieren.

"Jetzt freuen wir uns erstmal aufs Christkind", sagt die Spenderin lächelnd. Ulrich Müller wird in diesem Jahr ganz besonders die Weihnachtsgans genießen, die ihm letztes Jahr Weihnachten auf Grund des veränderten Geschmacks nicht so richtig schmecken wollte. Und er schmiedet wieder Pläne. Sobald der Nephrologe grünes Licht gibt, möchte er auch unbedingt wieder arbeiten, was ihm seit Oktober letzten Jahres nicht mehr möglich war. Seine alte Firma Esso Keck hat ihm bereits zugesichert, dass er dort wieder Arbeit finden kann.

 

Bericht und Fotos: Neue Westfälische, 24.12.09