Zu Besuch beim Hasen-Michel

Mädchen und Jungen auf Entdeckungsreise im Kaninchenstall

Godelheim. Aufgeregt laufen die Drei- bis Fünfjährigen vom katholischen Kindergarten Godelheim an den 40 Kaninchenställen von Michael Harmann auf und ab. "Michel, darf ich ein Kaninchen auf den Arm nehmen?", fragt Celina. "Ich will auch eins!", ruft Annika. "Ich auch!", sagt Sebastian.

Michael Harmann öffnet einen Stall und nimmt ein weißes Junges raus. Er setzt es in einen geflochtenen Weidenkorb, den er mit reichlich Heu gefüllt hat. Als die Geschwister folgen, schmiegen sich die kleinen Körper aneinander.

44 Kaninchen hoppeln bei Michael Harmann zurzeit durch 40 Ställe: Fünf Wochen alte Jungen, große Häsinnen und mächtige, fünf Kilogramm schwere Rammler. Der 68-Jährige züchtet weiße Neuseeländer und Satin-Kaninchen. Beide Rassen haben weißes Fell und rote Augen, die Satins sind ganz besonders weich.

Sein erstes Kaninchen bekam Harmann im Alter von neun Jahren. Mit dem schwarz-weißen Riesenschecken fing er an zu züchten, Kaninchen haben Harmann sein ganzes Leben begleitet. Er erkennt bei den Kleinen an der Kopfform, ob Weibchen oder Männchen. Fasst er eine Häsin an, spürt er sofort, ob sie paarungsbereit ist. Ihr Rücken fühlt sich dann verspannt an und sie läuft unruhig hin und her. "Ich bin mit den Kaninchen verwandt", sagt der Rentner lachend.

Die Kinder knien um den Korb und streicheln vorsichtig die Jungen. Harmann nimmt eines heraus und setzt es Annika auf den Arm. "Halt es nicht so fest, du machst es ja ganz platt!", warnt er die Fünfjährige. Harmann hat eine natürliche Einstellung zu den Tieren. Er achtet auf vitaminreiche Nahrung und pflegt sie, Namen haben sie nicht.

Vier bis fünf Mal im Jahr fährt Harmann auf Ausstellungen in ganz NRW. In Transportboxen nimmt er zwischen vier und zwölf Tiere mit, die er dort verkauft. Preisrichter beurteilen Körperbau, Gewicht und Fell. Rammler müssen rund und kräftig sein, der Schädel breit. Neuseeländer dürfen nicht mehr als fünf Kilogramm wiegen, Satins nicht mehr als vier Kilo. Die Karten neben den Ställen belegen Harmanns geschultes Züchterauge: 96 von 100 möglichen Punkten bekam eine Häsin, 97 und 98 Punkte seine Zuchtrammler.

Celina zeigt auf einen der Ställe: "Das ist mein Kaninchen." Harmann verkauft viele Junge an Familien im Ort. Fahren sie in den Urlaub, nimmt er die Tiere in Pflege, wie auch Celinas Häsin. Ist den Eltern die Fürsorge zu viel, können sie die Kaninchen auch dauerhaft zurückbringen. "Ins Tierheim kommen meine Tiere nicht", sagt Harmann. Fährt er selbst in den Urlaub, kümmert sich der Nachbar um die Kaninchenschar.

Für das glänzende Fell hat der 68-Jährige ein Geheimrezept: Zu den 25 Kilogramm Trockenfutter pro Woche füttert er Gemüse aus dem Garten und selbst gemähtes Heu von der Nachbarwiese: "Mit all den Kräutern ist das wie eine Apotheke", sagt Harmann.

Die Riesenschecken für die Ausstellung perfekt herzurichten machte damals besonders viel Arbeit: Da keine weißen Haare in den schwarzen Flecken sprießen dürfen und umgekehrt, zupfte Harmann Haar für Haar mit der Pinzette aus.

Celinas Häsin bleibt noch ein bisschen länger zu Besuch, sie bekommt Ende des Monats Junge, und bei Harmann hat sie mehr Ruhe. Der Rentner ist mit Celinas Opa befreundet. Besucht er den "Hasen-Michel", so nennt sie ihn, bringt er seine Enkelin mit. Als die Kinder gehen, schenkt Harmann ihnen bunt bemalte Ostereier zum Abschied. "Tschüss Michel", rufen Annika, Celina, Adriana, Sebastian, Marco und Hannes im Chor.

Kinder kommen den Rentner oft besuchen: Hat er neue Junge, spricht sich das in der Nachbarschaft schnell rum und die Kinder kommen vorbei. Trotz der Seelenverwandtschaft mit den Kaninchen isst Harmann gerne Kaninchen-Fleisch. Und was gibts zu Ostern? "Natürlich Kaninchen."

 


Celina Weiß, Annika Bohl, Adriana Hoffmann, Marco Kirchhoff, Sebastian Dirks (v.l.) und Hannes Grote (hinten) dürfen die jungen Kaninchen alle streicheln und auf den Arm nehmen.


Die fünf Wochen alten Jungen der Kaninchenrasse weißer Neuseeländer knabbern im Stall von Züchter Michael Harmann an einem Grünkohlstrunk. Mit einem dreiviertel Jahr werden sie ausgewachsen sein und vier bis fünf Kilogramm wiegen.

Bericht und Fotos: Neue Westfälische, 21. März 2008